Reisebericht 2003

Reports on a journey 2003

    
05.01.2003

Bariloche

Als wir in Bariloche eintrafen schlugen wir gleich unser Zelt bei Melinas Vater Jack im Garten auf. Jack hat ein Haus 15 km von Bariloche entfernt in der Nähe des Lago Gutiérres. Im Haus lebten außerdem: Mariza ( Jacks Freundin aus Buenos Aires ) und die Kinder der beiden: Melina und Paula, Ezequiel und Lara, Franco und Franzisco
- was für ein Haus! Sechs fantastische Kinder, ein Künstler und eine Pianistin - wir fühlten uns sehr wohl bei der Familie und bleiben fünf tolle Tage.

Die Highlights: Ein Familienausflug auf einen nahegelegenen Berg mit Seilbahn und Aussicht auf den Nahuel Huapi See - ein Blick den weder Worte noch Fotos fassen. Danach wurde DAS Luxushotel Argentiniens besichtigt: Llao Llao. Wir wanderten mit unseren staubigen Füssen durch die heiligen Vorhallen des Hotels und beschlossen doch lieber bei Mariza und Jack zu wohnen. Dort gab es am letzten Abend noch ein
Klavierkonzert von Mariza für uns und wir wurden bezaubert von Piazolla und Bach.

Am 10.01.03 hieß es Abschied nehmen und Willkommen heißen. Nach 20 Stunden stolperte sie aus dem Bus und jetzt isse da... die Ruth. Noch am selben Tag wurde ein Fahrrad ausgesucht und inzwischen hat die Ruth auf fast jedem Kontinent ein Fahrrad - eins wartet noch in Neuseeland von ihrer letzten 11-monatigen Reise dort.

( Für alle die Ruth nicht kennen: Ruth war Anjas Studienkollegin und WG - Chefin in der wilden Studentenzeit in Görlitz, jetzt ist sie Neuseelandexpertin und eigentlich auf dem Weg in eben dieses Land zurück. Für die nächsten Wochen legt sie hier einen "Zwischenstop" ein, um mit uns durch Patagonien zu radeln.
Wir sind dankbar für ihren Gastkommentar, den ihr auch auf diesen
Seiten findet.

    
06.01.2003

Wir freuen uns auf diesen Seiten den 1. Gastkommentar von Ruth Fuchs zu veröffentlichen:

Wo die Traurigkeit weit fort gegangen ist...

Nach vier Monaten "Zwangspause", Weihnachten und Sylvester in der Heimat, sitze ich endlich wieder im Fahrradsattel. Diesmal an einem anderen Ende der Welt - im windigen Patagonien / Argentinien / Südamerika.

Ich mache hier einen Zwischenstop auf dem Weg nach Neuseeland, um Anja und Daniel, Freunde aus Dresden, die seit 16 Monaten durch die Welt radeln, zu besuchen. Südamerika liegt ja sozusagen auf der Strecke nach Neuseeland, ob ich über Asien oder über Amerika fliege, macht entfernungstechnisch keinen Unterschied.

Während in London noch das Eis von der Startbahn gekratzt werden musste, habe ich mir in Buenos Aires gleich am ersten Tag einen Sonnenbrand weggeholt. Aaahh, endlich Sommer und warm!! Ich hatte mir von zu Hause aus eine Servas Übernachtung organisiert, konnte so zwei schöne Tage in der Capital Federal verbringen und bin fleißig Pflaster getreten.
Dann habe ich den von Anja reservierten Bus nach San Carlos de Bariloche genommen ( ich bin noch nie so komfortabel Bus gefahren ), dort war ich mit Anja und Dani verabredet. Noch am selben Tag haben wir für mich ein Fahrrad und Zubehör ausgesucht, es am nächsten Tag mit Rückkaufgarantie erworben und einen Tag später radelten wir los in Richtung Feuerland.

Der Radelalltag mit den beiden unterscheidet sich doch erheblich zu meinem Tagesablauf in Neuseeland. Wir machen zwar dieselben Dinge, allerdings mit völlig anderen Gewichtungen. Das sieht in etwa so aus, dass wir zwischen 8 und 9 Uhr aufstehen, eine Stunde einpacken, eine Stunde Frühstück, noch eine Stunde packen. Dann ist es Mittag, wir fahren endlich los, aber Danis Magen fängt schon wieder
an zu knurren.
Also machen wir nach 5 bis 10 km erst mal eine zweistündige Mittagspause. Da wird der Kocher ausgepackt und Wasser für einen Mate und evtl. ein heißes Süppchen gekocht. Wir müssen Dani, den Quatschkäfer, mehrfach ans Essen erinnern, sonst würde er sich hungrig erzählen. So gegen vier fahren wir weiter und damit wir
überhaupt noch ein Stück vorwärts kommen, wird bis 20 Uhr geradelt. Es ist ja lange hell! Zelt aufbauen, einrichten, kochen und essen dauert seine drei Stunden, es wird ruck zuck um elf. Dann trinken wir noch ein, zwei Gläschen Wein und kommen wieder erst Mitternacht ins Bett. Am nächsten Morgen stehen wir nicht vor um acht auf...

Auf diese Art und Weise haben wir für die letzten und für mich ersten 400 km elf Tage gebraucht. Frei nach dem Motto: Langsam reisen ist eine Kunst, schnell reisen kann jeder!
Oder auch: 10 x 15 km sind auch 150 km und fahren oder nicht macht 300...

Danis Buschcamping Spürnase habe ich sehr schnell zu schätzen gelernt. Er findet für uns nicht nur schöne Plätze, im Idealfall am Fluss oder See und mit Aussicht, es ist auch wesentlich ruhiger und sicherer als auf den Campingplatz ( wie wir in Bariloche erfahren durften ). Bei gelegentlicher Wasserknappheit wird sogar die Waschlappendusche mit kaltem Wasser oder ein erfrischendes Bad im See zum Luxus. Am 12.1. war ich anbaden im Lago Gutierrez, da haben selbst Anja und Dani gekniffen!

Auch wenn es mit meinem Spanisch nicht weit her ist, so erweist sich Michas Latinoküchenmusik als gute Einführung. Los Fabulosos Cadillacs laufen ständig irgendwo, das ist eine der beliebtesten argentinischen Bands! Da kann ich Eindruck schinden, wenn ich die Songs erkenne.

    
10.01.2003

Ab heute zu dritt

Abenteuerlich beginnt die Reise zu dritt noch vor dem Start. Auf einem kleinen Zeltplatz am Lago Gutiérrez wurden uns nachts die gerade erst aus Deutschland mitgebrachten Reifen geklaut. Carloz, der Campingplatzwart, zog mit seiner Machete los und erkämpfte einen Teil der entwendeten Sachen von ein paar Wildcampern
in der Nahe zurück.
Nach langwierigem Hin und Her bei dem selbst die Polizei nichts ausrichten konnte ( erst mussten die Beamten von der Polizeistation abgeholt werden, weil sie gerade kein eigenes Auto hatten, dann erklärten sie, sie könnten auch nichts ausrichten, die Diebe wären 20 Leute, sie seien nur zwei... und überhaupt, die meisten Sachen
hätten wir doch zurück... oder?)

Das kostete Nerven und Zeit. Abends zogen wir schließlich los und eroberten das fehlende Diebesgut auch noch zurück. Das war überraschend einfach und so hatten wir am Ende alles wieder beisammen und diese Lektion gratis dazu: Pass auf deine
Sachen auf und wenn du Hilfe brauchst, gehe nie zur Polizei! Viva Argentina!

Von Bariloche aus fuhren wir über El Bolson durch den Nationalpark Los Alerces ( die Alerce ist eine Zypressenart mit hervorragendem Bauholz - inzwischen unter Schutz gestellt, denn es gibt nur noch wenige Exemplare ).
Wir besuchten René am Lago Lezama und den Rio Arrayanes, trafen am Lago Futalaufquen Claudia und Tilmann aus Stuttgart, die Südamerika in ihrem Mercedesbus bereisen und die wir schon am Titicacasee getroffen hatten. Wir teilten einen Abend mit Feuer und vielen Geschichten und fuhren am nächsten Tag nach Esquel. Und hier sind wir nun. Und damit auch am Ende dieses Berichtes. Lieber Leser Du hast es fast geschafft!
Nur noch eines: falls du glaubst wir haben es hier immer schön warm und sonnig:

El Niño herrscht. Das Wetterphänomen, dass alle Jubeljahre hier einbricht und die Jahreszeiten auf den Kopf stellt.
In Australien donnert die Hitze und Buschbrände wüten. Dadurch heizt sich der Südpazifik auf und es verdunstet mehr Wasser als normal. Dadurch entstehen mehr Wolken, die sich über Chile abregnen und Kälte bringen. Die Argentinier sagen: "die Chilenen kochen schlecht", da der kalte Wind dicke schwarze Wolken und Nieselregen
über die Andenkette schiebt. So heißt es nun für uns überlegen, ob wir überhaupt nach Chile fahren sollen oder lieber auf der trockeneren argentinischen Seite bleiben in diesem außergewöhnlich kalten windigen Sommer. Sei es wie es sei: Patagonien wir sind da!

    
17.01.2003

Aus dem Reisetagebuch von Daniel und Anja:
Freitag, 17. Januar "Donde la tristeza su fue lejos."

Bereits seit Marocco träumt Anja davon, in Argentinien zu WWOOFen. Sie hatte von ihrer englischen Mitradlerin Susan eine australische World Wide Wwoof Liste bekommen und die einzige argentinische Adresse darin war die Farm "Los Guanacos" von Rene Griffith am Lago Lezama in Patagonien. Da wurde unlimited horse riding and fishing versprochen. Das klang vielversprechend und da wollten wir hin.

WWOOF bedeutet Willing Workers On Organic Farms, wo man für vier Stunden Arbeit am Tag freie Kost und Logis bekommt.

"Wir sind wieder erst Mittags auf der Piste. Wir werden es wohl nie schaffen. Vor 12 Uhr kommen wir einfach nichts los. Gemütlich frühstücken und schwatzen - da bleibt der Radfahrerehrgeiz lieber gleich im Schlafsack und pennt noch ne Runde..."

Dani murrt, er will lieber weiterradeln. Außerdem ist die Wwoof Liste schon ein paar Jahre alt, wir wissen also nicht, ob die Adresse noch stimmt. Aber Anja und ich wollen zumindest mal gucken und wir machen uns auf, die Farm zu suchen. Rene hat es später Schicksal genannt. Manche Begegnungen müssen sein.

Die Frau im Dorfkonsum beschreibt uns den Weg und wir schinden und schieben 5 km Schotterpiste über einen Hügel zum Lago Lezama. Die Landschaft ist herrlich, wild und einsam, wir haben schönes Wetter. Der See ist eigentlich eine Lagune, umgeben von schneebedeckten Bergen.
Auf dem Weg kommt uns ein berittener älterer Herr entgegen, der auf unsere Anfrage, ob es auf der Farm Arbeit gegen Kost und Logis gäbe, vor Lachen fast vom Pferd fällt.

Endlich kommt das "Haus" in Sicht. Dani wartet an den Rädern, Anja und ich sondieren die Lage. Eine kleine Holzhütte steht, Rene kommt etwas verpennt heraus und lacht, als er erfährt, warum wir kommen. Vor fünf Jahren ist zum letzten Mal jemand da gewesen und wwoofen kann man bei ihm schon lange nicht mehr. Er lädt uns zum Kaffee ein und wir holen Dani nach. Rene erzählt, wie er vor Jahren versucht hat, eine Guanaco Zucht aufzubauen, und wie die Sache mit den Wwoofern schief gegangen war. Er erzählt von seinem walisischen Urgroßvater, von seinen Reisen in aller Welt, dass er Schauspieler und Musiker ist. Die Farm ist sein Ausstieg und er lebt hier unter einfachsten Bedingungen. Anja entdeckt die Gitarre und Rene singt für uns. Schließlich lädt er uns ein, zu bleiben und zu zelten. Daniel begräbt seinen Radlerehrgeiz endgültig für heute und Rene zeigt uns das "Heidenröslein" vor sich hin summend eine Stelle für die Zelte. Ringsum wächst Pfefferminze, in der Nähe plätschert die Quelle. Dani besorgt Wein im Dorf, wir nehmen ein Bad im See und
abends sitzen wir lange in der Hütte am Kaminfeuer. Rene und Anja singen im Wechsel, es ist alles wie im Märchen!

Denkt dran liebe Freunde:
Auch der Alltag hat seine Farben - alle Schattierungen von Grau!
Seid lieb gegrüßt von Ruth, Daniel und Anja!

    
07.02.2003
Hier nur schnell ein paar Neuigkeiten:
Unsere Reise seit Esquel, der letzten Mailstation führte uns nach Süden auf schlechten Schotterpisten. Seitdem hatten wir keinen Asphalt mehr unter den Reifen.
Da waren mächtige Anstiege zu bewältigen und wir mussten viel schwitzen und schieben. Dafür hatten wir schönes Wetter und glasklare Bäche, die zum Baden einluden.
Je weiter südlich wir kamen, desto kälter wurde das Wetter ( z.Z. radeln wir mit Handschuhen! ) und irgendwann fanden wir uns dann in der argentinischen Pampa wieder und wurden vom Wind gebeutelt und immer wieder vom Rad geworfen. Das kostete Kraft. Freundliche Inseln im Sturm waren die argentinischen Grenzposten - Gendarmerie National. Dort wurden wir erfreut mit Mate - Tee und heißer Dusche. An der Letzten durften wir sogar im Büro des Chefs nächtigen.

Alles Liebe. Daniel und Anja.
Mit einer Mitfahrgelegenheit per Traktor ( die uns 7 km gegen den Sturm schieben ersparte und damit einige Stunden schenkte! ) gelangten wir nach Chile und zurück in die Berge. Auch anstrengend und kalt aber wenigstens nicht so windig...

Jetzt folgen wir der Carretera Austral nach Süden und schlagen uns zu den großen Gletschern durch. Nächste Internet - Station wird wohl also erst wieder nach 1000 km zu erwarten sein.
 
     18.03.2003
 
Eis und Schnee!
Die Carretera endet in Villa O´Higgins in Chile. Theoretisch bedeutete dies eine Sackgasse und damit zurück radeln und sich auf argentinischer Seite durch die Pampa kämpfen. Aber für Radfahrer und Rucksackreisende gibt es die Möglichkeit, den O´Higgins - See per Schiff zu überqueren und dann einen Wanderweg nach Argentinien zu nehmen.
Da das Schiff nur 2x im Monat fährt, mussten wir eine Woche bis zu dessen Abfahrt warten. In dieser Zeit war das Wetter sehr konstant - es regnete eigentlich fast ständig.
Wir hatten es gut, denn wir bezogen eine Hütte mit Kaminfeuer und hatten keine Probleme ein paar Tage mal nichts zu tun. So nach und nach trafen im Dorf andere Reisende ein, die dann am 5. März alle startklar waren für die Schiffspassage ( darunter auch Christoh und Kathrin aus der Schweiz, die wir schon von Cusco kennen! ).
Nur leider: Just an dem Tag an dem es nun endlich losgehen sollte, war dank der starken Regenfälle und der ungewöhnlich milden Temperaturen ( die Gletscher schmelzen ließ ) der Fluss stark angeschwollen und hatte die Piste weggeschwemmt und überspült.
Also hieß es: die Piste muss erst repariert werden - wir fahren morgen - mañana!
Also trotteten wir zurück in unser Refugio und verbrachten einen weiterten Tag Tee trinkend und Schach spielend am Kamin ( wie furchtbar! grins! ).
Am nächsten Tag war die Strasse immer noch ( oder wieder ) überspült, aber glücklicherweise wollten auch ein paar chilenische Grenzbeamte über den See und übten Druck auf den Kapitaen aus, der sicher gern noch einen Tag verschoben hätte ( das ist eine altberüchtigte Technik von ihm, um entnervten Touristen vielleicht ein Trinkgeld aus der Tasche zu locken.. ).
Am 6. März also fuhren wir über den See an Gletschern und Eisbergen in der Ferne vorbei und landeten nach 3 Stunden Fahrt an einer idyllischen Estancia, wo ofenfrisches Brot und Himbeermarmelade an hungrige Radfahrer und Rucksackreisende verkauft wird.
Wir machten und am späten Nachmittag auf den Weg und schoben die ersten 6 km den Berg hinauf, meistens zu zweit. Am nächsten morgen strahlte der Himmel blau über uns und in der Ferne thronte Fitz Roy, das mächtige Granitfelsmassiv, dessen
höchster Turm 3405 m in den patagonischen Himmel ragt. Welche ein atemberaubender Moment! Die Piste war an diesem Tag auch gut fahrbar und nicht mehr so steil bis wir an einer Brücke zum Stehen kamen, die es nicht mehr gab.
Mit nicht vorhandenen Wegen hatten wir ja inzwischen Erfahrung, also schoben und trugen wir die Räder durch den Wald und waren nach 2 1/2 Stunden dann endlich auf der anderen Seite der Brücke.
An der geografischen Grenze zwischen Argentinien und Chile endet die fahrradtaugliche Strecke und es heißt schieben und rammeln und durch kalte Bäche waten und nasse Füße ertragen. Das ganze dauerte ungefähr 4 Stunden für uns und abends trafen wir geschafft an der argentinischen Grenzstation am Lago del Desierto ein.
Am nächsten Tag sollte es eigentlich per Schiff über den See gehen und dann nach El Chaltén. Auf der anderen Seite des Sees jedoch war der Fluss über die Ufer getreten und hatte die Piste überspült und Brücken weggerissen. Wieder hieß es warten, aber wahrlich gibt es schlimmere Orte auf der Welt, an denen Wartezeit zu vertreiben ist: herrliche Aussicht, Angelausflüge und anschließendes Forellenessen am Feuer, nette Beamte und einsame Natur.
So haben wir El Chaltén - ein Dorf am Fusse des Fitz Roy Massives doch noch trockenen Fußes erreicht. Am nächsten Tag  wanderten wir zum Fitz Roy, der sich in graue Wolken hüllte und uns keinen Blick auf seine Türme vergönnte. Dafür sahen wir einen schönen Gletscher ganz in der Nähe. Die Wanderung war 33 km lang gewesen und am Abend gab es Stromausfall im Dorf und somit auch kein Benzin und somit auch kein Kochbenzin für uns - also mussten wir in die Kneipe Pizza essen gehen - bei Kerzenschein, der Pizzaofen funktionierte auch ohne Strom!

Am nächsten Tag unternahmen wir einen Ausflug zum zweitgrößten Gletscher Südamerikas, den Viedma, der so groß wie Belgien ist und sich von den Eisfeldern des Campo Hielo Sur herunterwälzt.
Das Campo Hielo Sur - das südliche Inlandeis ist das größte Eisfeld außerhalb der Polkappen.
Wir kletterten in Gletscherhöhlen, und stiegen mit Steigeisen auf dem Gletschereis herum. Krönender Abschluss war Tia Maria ( Kaffeeschnaps ) auf 450 Jahre altem Gletschereis und ein beschwipster Abstieg.
Einen Tag später, am 15.03. begingen wir eher unspektakulär unseren 1 1/2 -sten Jahrestag und gelangten gestern ( 17.03. ) hierher nach Calfate, Ausgangspunkt für Ausflüge zum berühmtesten Gletscher der Region, der Perito Moreno, den wir morgen anschauen werden.
Ansonsten ist bisher nicht ganz klar, wie weit unsere Reise noch führt, denn der Winter steht vor der Tür oder besser schon mit einem Fuß drin!
Dabei blühen die Rosen doch noch!
Wir senden viele Grüße
Ruth, Daniel und Anja!
Wir sind inzwischen wieder in Argentinien und es ist mächtig herbstlich geworden. Gestern Nachmittag schneiten die ersten Schneeflocken hier in El Calafate und der Winter weht uns winterlich ins Gesicht.
 
Die letzen Wochen verbrachten wir auf der Carretera Austral in Chile radelnd. Wir verlebten wunderschöne Tage hatten sonniges Wetter und feierten Ruths Geburtstag mit herrlichen Aussichten, Butterbemmenschmeißwettbewerb ( wir schmissen nicht mit Brot, sondern mit flachen Steinen, die übers Wasser springen! ) und einer Flasche
Pisco.

    
10.05.2003
Liebe Freunde!
 
Nach langer Zeit mal wieder grüßen wir Euch diesmal aus Buenos Aires, Stadt des Tango und pulsierendes Herz Argentiniens.
Die Gletscher und Seen, die Laubfärbung und die Stille Patagoniens sind uns schon wieder fern, hier wo die grauen Männer der Geschäftsviertel regieren und Hektik und Verkehrslärm nie innehalten, wo man täglich tausende Gesichter sieht und nicht eines wirklich.
 
STRASSENSZENEN BUENOS AIRES
 
Die Porteños ( die Bewohner von Buenos Aires ) verehren die Tangogrößen Carlos Gardel und Astor Piazolla, sie lieben antiken Trödel und ihre Cafés.
 
CAFÈ TORTONI
 
Das Bussystem ist undurchschaubar und die wenigen grünen Flecken der Stadt sind immer bevölkert von erholungssuchenden Stadtmenschen.
Glanz und Luxus der Stadt, die angeblich nie schläft, sind vergangen. Nachts sind die Bürgersteige hochgeklappt und die Strassen gehören den Cartooneros, die ihr täglich Brot aus den Abfällen der Wohlstandsgesellschaft zusammensuchen und Papiermüll für ein paar Pesos zum Wertstoffhandel bringen.
 
ANJA BEIM EINKAUFEN IN DER MARKTHALLE VON SAN TELMO
 
Wir lieben nach monatelanger Kulturabstinenz und Waldleben die vielfältigen Möglichkeiten, Kunst zu genießen. Waren im Colontheater, das 7 Ränge hat und haben einen hervorragenden Konzertnachmittag mit Alberto Lysy, sowie ein paar Tage später das Ballett "Giselle" erlebt.
Ein Tangomusical "Vamos al Tango" - eine Tangonacht mit Tanz in vollendeter Schönheit mit Erotik und Temperament wie es nur hier zu erleben ist - entzündete unser Interesse für den Tanz der Porteños und am Sonntag verfolgten wir eine Milonga auf den Strassen San Telmos - Tango für jeden.
 
GRAFITI
 
Wir waren begeistert vom Museum der Schönen Künste, wo Rodin und Chagal, Degas und van Gogh vertreten sind, aber auch eine interessante Fotoausstellung über den Orient, die gleich unsere Reiselust auf für uns noch ganz fremde Welten anregte.
 
PLAZA DORREGO IN SAN TELMO
 
Doch erzählen wir zunächst von dem was wir in Patagonien noch sahen.
Erwartungsgemäß war der Perito Moreno Gletscher bei Calafate ( Argentinien ) überwältigend. Wir hatten einen wunderschönen Tag erwischt - ohne auch nur eine Wolke, Marcelo und Myriam aus Buenos Aires hatten uns in ihrem Auto mitgenommen.
Der Gletscher ist zwar nicht der größte, aber aufgrund seiner Lage einer der schönsten der Region. Nach dem ersten der vielen Abschiedfeste, die wir mit unseren Reisefreunden in Patagonien feierten ( das letzte war schließlich Ushuaia ) starteten wir von Calafate in die Pampa, um nach Chile in den Nationalpark Torres del Paine zu gelangen. 
Die ersten 100 Kilometer waren ein Klacks - windstill, so dass wir sogar nachts fuhren um ein paar Kilometer mehr zu schaffen. Eine Nacht Regen änderte die Situation völlig - wir blieben im Schlamm stecken und konnten weder vor noch zurück. Warten war angesagt, denn mit Mitfahrgelegenheiten sah es auf der Strecke ziemlich mau aus. Einen Tag später war die Piste wieder gut befahrbar und so gelangten wir auf die chilenische Seite Patagoniens und zu den Türmen des Torres del Paine, die sich bis zu 3000 m aus der patagonischen Pampa erheben.
Dieser Nationalpark wird als Miniaturalaska beschrieben, türkisfarbene Seen, tosende Flüsse, eine einzigartige Berglandschaft, Wälder und Gletscher sind Heimat von Füchsen, Pumas, vielen Vogelarten und unzähligen Guanacos. Das Wetter war uns hold und der Wind hielt sich vornehm zurück, sodass wir zwar nicht wandernd aber radelnd ein paar schöne Tage im Park verbrachten.
Die nächste Station hieß Puerto Natales am Sund der letzen Hoffnung ( Chile ). Schlappe 250 km weiter liegt Punta Arenas, Sprungbrett nach Feuerland und chilenische Groszstadt im einsamen Südpatagonien. Wir wohnten bei Sebastian aus Leipzig, der hier auf einer Radreise sozusagen hängenblieb und mit Marisol ( seiner Freundin ) und Söhnchen Tobias ein Reisbüro ( www.aonikenk.com ) und Hostal betreibt und der uns ein liebenswürdiger Gastgeber war. Tag um Tag blieben auch wir hängen weil's so gemütlich war mit Diaabenden und Kochfesten. Doch Feuerland lockte und wärmer wurde es auch nicht.
Mit Wollsocken ausgestattet traten wir die letzte Etappe auf Feuerland bis Ushuaia an. Kathrin und Christoph ( die Radler aus dem Emmental ) mit denen wir gestartet waren, sind uns schnell mit dem Wind davon geflogen. Wir trafen Ludwig und Christian, zwei Zimmermannswanderburschen auf der Strecke und fanden abends Unterschlupf auf der Estancia Fortuna - eine der vielen Schaffarmen auf Feuerland - wo uns Alexis freundlich Ofen und Bett zur Verfügung stellte.
Rückenwindradeln ist immer ein Vergnügen. Wir hatten es bis zur argentinischen Grenze und schafften 110 km Tagesrekord. Dann hieß es kämpfen - Seitenwind und klirrend kalte Nächte, die unser Zelt zum Iglu machten und Anja prompt eine Erkältung einbrachten. So erreichten wir Ushuaia in 25-km-Etappen ( die letzten Tage ) und bereuten es nicht, denn kurz vor Ushuaia änderte sich die Landschaft. Die Pampa wurde hügelig, dann bergig und waldig. Die Wälder leuchteten in rotbraunen Farben und die Temperaturen waren schon winterlich kalt.
Am Nachmittag des 13.4. erreichen wir Ushuaia - Anfangs- oder Endpunkt so vieler Reisen - Wendepunkt und Besinnungsort für uns. Wir werden unvergesslich von unseren Freunden Kathrin und Christoph und Mike ( der Holländer mit den großen Wanderstiefeln ) empfangen. Sie stellen Oliven, Brot und Wein auf den Tisch und es beginnt, was 10 Tage dauern wird - ein endloses Fest mit Kochorgien, Sonnenaufgängen ungezählten Kaffees und Geschichten, Ostereier färben und essen und Ausflügen in die dramatisch schöne Umgebung Ushuaias.
Herzzerreißend, wie wir am 24.4. verabschiedet werden - Kathrin, Christoh, Mike, Ruth und Lionel stehen Taschentücher winkend vorm Hostal, Miss Ushuaia lächelt uns ihr letztes Lächeln und wir radeln von wolkenbruchartigem Regen und Regenbogen begleitet zum Flughafen und finden uns 3 Stunden später in der rasend hektischen Millionenmetropole Buenos Aires wieder.
Ein neues Abenteuer beginnt, neue Menschen kreuzen unseren Weg und für uns heißt es wieder zu zweit Rad fahren. Doch vorerst werden wir Buenos Aires kennen lernen. Wir besuchen Marisa in Maschwitz ( die Pianistin, die wir mit Jack und den Kindern in Bariloche kennerlernten ) und verbringen dort herrlich Anjas Geburtstag mit einem Spaziergang an einen Arm des Paraná-Flusses, wo es Schiffe und Fischer gibt und die Häuser auf Stelzen gebaut sind.
Am nächsten Tag statten wir der Maschwitzer Waldorfschule einen Besuch ab und erzählen in der Klasse von Ezequiel seinen neugierigen Mitschülern von unserer Reise. Außerdem nimmt uns Marisa mit zu einem Kindergarten, wo sie Musikstunden gibt und wir lernen argentinische Realität kennen, ein Kindergarten in dem der Mangel auf der Tagesordnung steht. Berührt und dankbar für diese Einblicke in argentinische Lebensart verlassen wir Maschwitz und stürzen uns ins kulturelle Leben von Buenos Aires: das Colon, Ballett, Museen, Tango...
Noch drei Tage bleiben uns, wir werden noch ein Konzert von Marisa in Maschwitz erleben und einen weiteren Sonntag in San Telmo, wenn die Strassen und Plätze überquellen von Antikhändlern und Artesanos, die herrliche Schmuckstücke verkaufen, wenn Tangomusik und Trommelklänge im Park zu hören sind und ein gnädiger sonniger Sonntagnachmittag die Menschen die Alltagssorgen vergessen macht.
STRASSENMUSIKER
Seid gegrüßt. Daniel und Anja.
    
14.07.2003
Vom Tango zum Samba oder: Über die Copacabana nach Rio!

 

Mitte Mai verließen wir Buenos Aires und finden uns nun, genau zwei Monate später in Rio de Janeiro wieder. Dazwischen liegen 2000 Radkilometer und 1000 per Bus. Und sonst? Also:

 

Über den Rio de la Plata setzten wir von Buenos Aires nach Colonia in Uruguay über, das wir schon von einem früheren Ausflug her kannten. Also konnten wir uns touristische Erkundungen in dem alten portugiesischen Schmuggelhafen sparen und gleich durchstarten, um durch die Hügellandschaft Uruguays weiter nach Norden zu gelangen.

Wind und Regen waren unsere ständigen Begleiter, so dass Uruguay uns vor allem feucht in Erinnerung ist. Uns erfreuten ruhige kleine Straßen und Dörfer und freundlich zurückhaltende Leute, die uns gern halfen, wie z. B. Hugo, der uns in einer Gewitternacht seine Scheune überließ und uns damit wahrlich einen großen Gefallen tat:

Es war wirklich eine Weltuntergangsnacht: grollender Donner, taghelle Blitze, Regen wie aus Eimern prasselt aufs Blechdach. Die Scheune ist ziemlich muffig, Schaffelle, Tierfutter, eine Schlachtbank. Eine Katze mit drei Beinen leistet uns Gesellschaft und draußen quieken Schweine. Vor der Scheune hängt ein Riesenstück Fleisch im Baum  und auf dem Zaun ein Stück weiter liegen zwei Rinderfüße...

Für ein trockenes Plätzchen muss man als Radfahrer schon einiges in Kauf nehmen...

 

Schon nach zwei Wochen verließen wir Uruguay und den Regen und überquerten bei Salto die Grenze nach Argentinien. Hier landeten wir auf der Routa 14, eine der meist frequentierten Strassen Argentiniens, auf der sich die riesigen LKWs von und nach Brasilien drängeln. Der Rückspiegel wurde unser bester Freund, auch wenn die Brummifahrer meistens gnädig Abstand hielten. Dennoch hatten wir nach 350 km und 4 Tagen keinen Bedarf mehr an Autobahn und überlegten in Paso de los Libres, wie wir mit einem dieser LKWs mitkommen.

An einer Tankstelle spricht uns Roberto, einer dieser Brummifahrer an: "Woher und Wohin? - nach Iguazú? Da fahr ich jetzt hin!" Eine halbe Stunde später sitzen wir in seinem LKW, der 22 Tonnen Knoblauch aus Chile nach Saõ Paulo bringt, gemeinsam mit seiner Frau Angelika, der kleinen schlafenden Tochter und ein paar Büchsen Bier als Proviant. Die Räder reisen oben auf dem LKW aufgeschnallt mit. So geht es durch die Nacht nach Misiones - unserer letzten Provinz in Argentinien. 

 

Tropisch warm ist es ( endlich ) in Misiones, am Straßenrand wachsen Palmen und Bananenpflanzen, leider auch eine Menge Pinienwald, der zwar Geldquelle für die Einheimischen und trockenes Radlerbuschcamp ist, aber auch eine Menge ursprünglicher Regenwaldvegetation verdrängt hat.

Früh morgens, eine Stunde vor Sonnenaufgang lässt uns Roberto an einer Tankstelle bei Santa Ana raus und rattert gen Brasilien ( mit einem geplatzten Reifen ). Mit Kaffee und Croissants erwarten wir die Sonne und starten beim ersten Licht nach San Ignacio.

Dort haben die Jesuiten vor 400 Jahren eine Missionsstadt errichten lassen, um die Guarani - Ureinwohner zum christlichen Glauben zu bekehren. Dabei entstand ein Dorf mit zahlreichen Wohnhäusern, Werkstätten, einer Schule und einer Sandsteinkirche im "Guarani - Barock", deren Ruinen heute zu besichtigen sind. 

Hügel auf, Hügel ab pedalten wir uns nach Wanda, wo die schönsten Amethyste der Welt herkommen sollen. Prächtig und funkelnd sind die kostbaren Steine im Fels verborgen und werden hier neben Achat und Bergkristall in zahlreichen Minen ( von denen wir eine besuchten ) ans Tageslicht befördert.

 

Am 6. Juni machen wir uns auf zur Garganta del Diablo - der Teufelsgurgel, einem Teil der gigantischen Wasserfälle des Iguazú. Im südlichen Brasilien fließt der Iguazú - Fluss über ein Basaltplateau, das kurz oberhalb vom Zusammenfluss mit dem Rio Paraná endet. Wo die Lava aufhört stürzen mindestens 5000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde 70 Meter tief hinab. Bevor der Fluss den Rand des Wasserfalls erreicht, teilt er sich in mehrere Kanäle und bildet die typischen Cataratas. Umgeben sind die Fälle von einem 55.000 ha großen Nationalpark mit tropischem Regenwald, der Lebensraum für unzählige Insektenarten, Vögel, Säugetiere und Reptilien ist. 

 

Hiermit verlassen wir Argentinien in Liebe zu diesem wunderschönen Land und in Zuneigung zu den wunderbaren Menschen, denen wir hier begegneten. Von Jujuy bis Feuerland, von Bariloche bis Buenos Aires sind uns Fremde hier zu Freunden geworden und haben dazu beigetragen, dass Argentinien uns immer in ganz besonderer Erinnerung bleiben wird - wie eine Tangomelodie in den Gassen von San Telmo...

 

Foz do Iguaçu, die Stadt auf der brasilianischen Seite des Flusses hat nicht allzu viel zu bieten und so radeln wir alsbald auf der BR 277 Richtung Curitiba. Hügeliges tropisches Hinterland, kleine Nester an stark befahrener Autobahn. LKWs nerven. Nach 300 km steigen wir um auf den Bus und düsen nach Curitiba.

Von dort fährt die Eisenbahn nach Paranaguá - laut Reiseführer die spektakulärste Bahnfahrt in ganz Brasilien! Rumpelnd und ratternd setzt sich der Zug pünktlich 8 Uhr in Bewegung und rollt durch die üppig grüne Vegetation des Küstengebirges. Über Brücken und durch Tunnel schlängelt sich der Zug immer am Berghang entlang bis wir schließlich 4 Stunden später in der kleinen Stadt Paranaguá unweit vom Meer landen.

Weil´s so schön war unternehmen wir am nächsten Tag gleich noch einmal die Fahrt vom Küstengebirge hinab ( und wieder hinauf! ), diesmal per Fahrrad und über die La Graciosa, eine kleine Kopfsteinpflasterstrasse, die früher als Verbindungsweg zwischen Küste und Hochland diente.

 

Ein Sprung per Bus erspart uns wieder mal die Autobahn und bringt uns nach Santos, wo wir nachts 23 Uhr bei strömendem Regen ankommen und die Nacht im runden Bett eines etwas zwielichtigen Hotels verbringen.

Von nun an geht es per Rad 700 km der "grünen Küste" ( Costa Verde ) folgend nach Norden gen Rio de Janeiro. Highlights der Strecke sind Paraty - ein herrliches Kolonialstädtchen mit portugiesischen Villen, Kirchen und Kopfsteinpflastergassen - und die Ilha Grande ( „große Insel“ ). Auf der Ilha Grande verbringen wir 4 wunderschöne Tage, genießen atemberaubenden Ausblicke auf die Berge und Buchten ringsum, baden an herrlich gelegenen Stränden und entdecken auf unseren Streifzügen durch den Regenwald, der die gesamte Insel bedeckt, seinen Klang und Duft und Frieden.

Wir verlassen die Insel und müssen uns nun sputen, denn es fehlen noch 140 km bis Rio und dort haben wir eine Verabredung zum Frühstück! Am 15. Juli treffen Anjas Eltern ein! MORGEN!!! Ach Quatsch in 6 Stunden! Also schnell ins Bett und mehr davon in der nächsten Reisegeschichte.

 

Adeus! Bis bald. Daniel und Anja.

    
26.08.2003

Niemand nimmt gern Abschied, der einmal hier gewesen. Bei jedem Fortreisen und von jedem Ort wünscht man sich zurück. Schönheit ist selten und vollendete beinahe ein Traum. Diese Stadt macht ihn wahr auch in düstersten Stunden; es gibt keine tröstlichere auf Erden.

                                                                                        

(Stefan Zweig über Rio)

 

 

Geliebte Freunde und Familie!

Auch wir mussten gestern von der Traumstadt Abschied nehmen und gingen ein wenig wehmütig, denn  wir hatten eine gute Zeit hier, haben interessante Menschen kennen gelernt, haben Horst und Christine ( Anjas Eltern ) hier nach über einem Jahr in die Arme geschlossen, haben mit Holger und Motte zwei lustige Tage verbracht und am Ende unseren Frieden mit dieser wilden, heißen ( in jeder Hinsicht! ), hektischen und stolzen Metropole gemacht.

Rio ist unheimlich schön gelegen, aber die sozialen Probleme sind extrem - die meiste Fläche der Stadt ist mit Favela ( Armenviertel ) bedeckt und der Kontrast zwischen Arm und Reich ist beängstigend - vom Ferrari zur Favela - es ist alles drin. Der blanke Luxus und die nackte Armut treffen hier brutal aber irgendwie auch interessant zusammen.

 

Rio hat auch interessante Sehenswürdigkeiten, das mit Abstand Schönste sind natürlich die Ausblicke, die sich manchmal überraschend und plötzlich von vielen Stellen in der Stadt aus bieten. Aber auch an historischen Gebäuden und Plätzen gibt es einiges, auch wenn man sich mit einer Kamera bestückt und mit heller Gringohaut nicht immer ganz wohl fühlt und auch nicht unbedingt ALLE Gegenden der Stadt besuchen sollte....

 

Im letzten Monat verbrachten wir also zwei Wochen gemeinsam mit Anjas Eltern - wundervoll war das, nach so langer Zeit wieder gemeinsam zu sitzen und zu hören was zu Hause so passiert... Wir verbrachten 5 Tage in Rio und erholten uns dann noch 6 Tage auf einer edlen Ferienhalbinsel mit traumhaften Stränden gemütlicher Atmosphäre, wobei der Caipirinha ( auch liebevoll "Caipi" genannt ) in Strömen floss und die Eltern uns mit Luxusleben verwöhnten.

Aber erbarmungslos verrann die Zeit und so hieß es Abschied nehmen und weiter ziehen - beschwingt und reich durch die schöne gemeinsame Zeit traten wir wieder unser Fahrradnomadenleben an.

 

Langsamkeit war geboten, denn allzu weit von Rio durften wir uns nicht entfernen, da wir hier ja 20 Tage später den Holger abholen wollten, der uns bis zum 3. Oktober begleiten wird.

Also pedalten wir bis nach Vitoria ( eine große Hafenstadt ) ließen die Räder dort stehen und unternehmen noch einen kleinen Ausflug nach Petrópolis, sommerliche Residenz des brasilianischen Kaisers und Stefan Zweigs letzter Lebensort. Wir sahen sowohl den kaiserlichen Palast als auch das bescheidene Haus des Schriftstellers und verließen das geruhsame Städtchen mit angenehm kühlem Klima und inmitten von grünwogenden Bergen, um uns wieder in die Hände der Stadt zu begeben die sich mal als gefährliche Furie und das nächste Mal als verführerische Schönheit zeigt.

 

Und auch wir verließen sie mit einem Stich im Herzen und können nicht versprechen, nie wieder zu kommen....

 

Seid gegrüßt zu Hause und in der Welt und bis zum nächsten Mal.

Daniel und Anja. 

    
09.10.2003
Palmenstrände und Papaya
 
Lähmend zwingt die tropische Hitze uns zur Ruhe und dennoch plagt uns das Gewissen nach fast 7 Wochen ohne Dokumentation der erfahrenen Strecken und Orte...( andere schreiben ihre Reiseberichte alle drei Monate - dies sei hier nur angemerkt... )
Wir melden uns diesmal aus Salvador de Bahia, der lebendigen Metropole an der Küste Brasiliens.
Wir verbrachten die letzten Wochen gemeinsam mit Holger, einem Freund aus Dresden, der uns bis hierher begleitet hat und vor ein paar Tagen wieder gen Deutschland geflogen ist.
 
Der erste Teil der Strecke zwischen Vitoria und Salvador de Bahia ( gesamt ca. 1350 km ) war nur auf der BR 101 ( brasilianische Autobahn und Nord- Süd-Hauptverkehrsachse ) zu bewältigen, da es keine kleinere Nebenstraße gab. Kleinere Ortschaften und endlose Eukalyptus-Wälder, die alle im Schlund einer gefräßigen Zellulosefabrik landen, lagen an der Strecke. So zelteten wir in Gesellschaft vieler Mücken meist im Eukalyptuswald und sahen zu, dass wir vorwärts kamen. Einmal bogen wir eine Piste zur Küste hin ab. Spätestens hier merkte auch Holger: Das hier ist kein Urlaub! - 50 km lang Füße bis zu den Waden im Schlamm, verdreckte Taschen und Räder, knirschende Geräusche aus dem Antrieb...fast waren wir froh wieder auf der BR 101 zu sein. Aber nicht lange...
 
Kurz hinter Itamaraju bogen wir endgültig zum Meer hin ab und verließen die elende Rennstrecke. Ab hier wurde es dann richtig interessant. Wir durchfuhren den Nationalpark Monte Pascoal, der gleichzeitig auch Indigena- Reservat für den Stamm der Pataxó ist.
Biraí, der im Informationszentrum des Reservats arbeitet, erklärte uns welche Tiere es im Reservat gibt ( u.a. Schlangen und 3 Wildkatzenarten ) und wovon die ca. 7000 Bewohner des Reservats ( 1150 Familien in 11 Stämmen ) leben ( Fischfang, Jagd und Landbau ).
 
Er erzählte auch, dass es einen Weg bis zur Küste gibt und wir diesen ruhig nehmen könnten. Das bedeutete für uns, dass wir nicht zur BR zurück mussten und eine Tagesmenge Kilometer sparten. Und Abenteuer gratis. Durch den Urwald per Fahrrad! Begeistert starteten wir. Von der Lkw-donnernden BR zum Waldweg durch den Mata Atlantica ( atlantischer Regenwald ). Wir hielten ständig, um diese Augenblicke in unseren Kameras festzuhalten...
Die Strecke ist anstrengend: kurze, steile Anstiege und große Pfützen und Matsch. Wir arbeiten uns voran.
Dann endet der Wald und wir fahren durch ein Indigena- Dorf: Lehmhütten mit Palmenblättern bedeckt, Fußballplatz, Kirche, Schule, eine Plaza mit "Dorfklo" ( 2 Toilettenhäuschen für alle ) und Regenwasser, dass als Trinkwasser in Tonnen aufgefangen wird - die Menschen hier leben unter einfachsten Lebensbedingungen...
Die Leute lächeln freundlich, wenn wir uns grüßend an ihren Hütten vorbeimühen. Hinter dem Dorf Kuhweiden, aus denen mahnend die Stümpfe der brandgerodeten Urwälder herausragen, auch hier mussten Regenwaldriesen dem Maniok und den Rindern weichen.
Ein süßer Lohn für alle Mühen ist schließlich die Ankunft am Meer - ein einsamer Kokospalmenstrand und ein Meer, dass uns Dreck und Schweiß schnell vergessen lässt.
 
Es folgten romantische abgelegene Dörfchen ( Caraíva; Trancoso, wo sogar Naomi Campbell und Leonardo di Caprio schon gesichtet wurden; Arrajal de Ajuda, mit einem der besten Kilo-Restaurants, die wir kennen! )
Uns fehlt der Zweigesche Überschwang in den Worten, aber es sei hervorgehoben, dass wir hier wundervolle Plätze fanden und die Zeit hier sehr genossen.
 
So gelangten wir nach Porto Seguro, wo der Portugiese Pedro Alvares Cabral 1500 an Land ging, und somit ein Portugiese erstmals brasilianischen Boden betrat. Wir besichtigten die kleine Altstadt des im Jahre 1526 gegründeten Ortes.
Wir passierten Ilheus und gelangten auf einer weiteren abenteuerlichen Schlammpiste ( deren Dreck uns noch in Salvador an den Rädern klebte ) nach Barra Grande - ein kleiner Ort am Ende einer Halbinsel, der vom Massentourismus noch verschont blieb. Hier war es geradezu paradiesisch: wir radelten bei Ebbe direkt am Meer, entlang der Kokospalmenstrände und schlugen abends das Zelt einfach im Palmenwald auf.
Anschließend unternahmen wir noch einen Abstecher zur Insel Tinharé, nach Morro de Saõ Paulo - ein auf Tourismus eingestellter Ferienort, wo wir Caipi- trinkend einen Abend mit Rodrigo, einem argentinischen Radfahrer ( unterwegs von Buenos Aires nach Mexiko ) verbrachten.
 
So kamen wir nach Salvador de Bahia.
In Salvador ankommen ist wie in einen Rausch fallen - Farben, Gerüche und Klänge faszinieren und betören, lebendiges Treiben und Feste, eine prächtige barocke Altstadt mit unzähligen Kirchen und prächtigen Plätzen. "Pelorinho" heißt das Altstadtviertel, hier fand früher der Sklavenmarkt statt, heute tobt hier das Nachtleben.
Millionen von Sklaven wurden in der Kolonialzeit nach Brasilien verschleppt und ein Grossteil der Bevölkerung Bahias ist afrikanischen Ursprungs.
 
Der Reiseführer erzählt folgendes:
Amerigo Vespuci segelte am 1. November 1501 hier in die Bucht ein und nannte sie nach dem Allerheiligentag Bahia de Todos os Santos ( Bucht aller Heiligen ). 300 Jahre lang war Salvador die bedeutendste Stadt Brasiliens. Bis Mitte des 18.Jahrhunderts hing die Stadt vom Zuckerexport ab. Damals war Salvador nach Lissabon die zweitwichtigste Stadt des portugiesischen Kaiserreiches. Die Stadt war berühmt für ihre vielen, innen reich mit Gold ausgestatteten Kirchen, die schönen kolonialen Villen und ihre vielen Feste ( die sich bis heute erhalten haben! ). Salvador genoss aber auch den Ruf eines sehr freien Lebens, der Lüsternheit und der Dekadenz ( auch das hat sich bis heute erhalten! ).
 
Fast jeden Abend der Woche finden auf den Strassen der Altstadt Parties statt und es wird getrommelt, getrunken und getanzt bis zur Erschöpfung - Karneval als Dauerzustand! Tagsüber preisen prächtig gekleidete Acaraje- Vorkäuferinnen ihre Leckereien an und auf den Plätzen üben athletische Männer Capoeira ( einen afrikanischen Kampftanz ). Salvador ist die Wiege der Candomblé - ein religiöser afro-brasilianischer Kult, bei dessen Zeremonie alte afrikanische Geister angerufen werden. Auch dieser darf der gewöhnliche Tourist beiwohnen, gegen einen "Kulturbeitrag" versteht sich...
 
Nach 10 Tagen Pause und Erneuerung ( Erneuerung insofern dass unsere Räder nach 21.000 km  förmlich nach einem neuen Antrieb schrieen und wir also Kettenblätter und Kette wechseln mussten ) folgen wir nun der Kokos-Straße nach Norden und radeln weiter Richtung Recife.
 
Liebe Grüße nach Hause und in alle Welt!
Daniel und Anja.
    
14.11.2003
Liebe Freunde und Familie!
Wir schreiben Euch heute aus dem Amazonasbecken, aus Manaus.
Von Salvador de Bahia folgten wir weiter der Küste, sahen wie die Fischer von Sonnenaufgang an mit ihren kleinen Segelbooten auf's Meer hinaus fahren, zelteten im Cocospalmenwald ( so oft und so nah am Meer wie selten zuvor ), schlürften eifrig das Wasser grüner Cocosnüsse und genossen das warme Meer, dass hier von einen langen Riff an der Küste beruhigt wird.
In Maceo trafen wir Jovanio und Nathalia, die uns spontan einluden und uns von Pablo Garcia aus Argentinien erzählten, der gerade mit dem Fahrrad durch Afrika unterwegs ist. www.pedaleandoelglobo.com 
In Tamandaré genossen wir die Gastfreundschaft von Sadibó - 71 Jahre und begeisterter Radfahrer. Er lud uns in sein Haus ein und am nächsten Tag zu einem Sonntagsausflug an den nächsten Strand. Wir hatten schon immer die sonntäglichen Rituale der Brasilianer bestaunt, darunter Kirchgang, Strandgang und bei Forro und Samba sich über den Tag verteilt allmählich ins Delirium zu süffeln. Weil das Bier so dünn ist ( aber Achtung! nicht wirkungslos ), gibt’s dazu immer mal einen Zuckerrohrschnaps hinter die Binde.
Auf unserer Sonntags-Tour mit Sadibó gab es diverse "Haltestellen" - Bierbars, wo es dann kühles Bier gegen Durst und Hitze sein musste. Danach waren uns die Beine jedes mal ein bisschen schwerer und an der 4. Haltestelle baten wir um Gnade. Sadibó lachte und sagte, es fehlten nur noch 2 "Haltestellen". Dennoch brachte uns Sadibó daraufhin zu seiner "Geliebten", die uns eingekochte Caju ( Cashew- Früchte ) servierte und ein Glas Wasser dazu reichte ( endlich mal was Anständiges! ). Am Haus angekommen, räumte Sadibó den CD-Player auf die Straße, drehte auf "ohrenbetäubend laut" und schlief im nächsten Sessel ein. Der Sonntag endete mit einer Geburtstagsfeier bei Sadibós Enkel Danilo ( nicht ohne Cerveja versteht sich ).
 
Wir erreichten den westlichsten Punkt des Kontinents in Recife, wo wir bei mörderischer Mittagshitze tapfer durchhaltend einradelten. Wir ließen die Hauptstadt von Pernambuco links liegen und bezogen Quartier in Olinda ( "Die Schöne" ) - 7 km entfernte Nachbarstadt und koloniales Juwel des Nordens mit über 20 Kirchen und Kopfsteingepflasterten Gassen.
 
Am 9. November starteten wir zum Flughafen Recife und flogen nach Manaus ins Amazonasbecken 3000km von Recife entfernt.
Vorher mussten wir jedoch eine Menge Ärger aushalten, denn am Flughafen sollten wir plötzlich 100 Euro für die Räder bezahlen, wegen Übergewicht. Wir wussten, dass es einen Betrag für die Räder zu entrichten gilt ( beim Holger waren es damals 8 Euro ), aber dermaßen viel??!! Wir baten, jammerten, spielten auf Zeit. Die Flughafenangestellten leider auch. Gepäcktaschen wurden ausgeräumt, bei 30 Grad sämtliche Klamotten angezogen, herumgewogen und gepackt. Am Ende drückten wir den Preis auf 40 Euro und wurden 15 Minuten vor Abflug eingecheckt und rannten durch die Sicherheitsschleusen mit haufenweise Handgepäck und angezogen, als ginge es zum Nordpol. Atemlos erreichten wir das Flugzeug, das sich auch schon in Bewegung setzte.
 
Der Flug zog sich dann in die Länge, 6 Stopps legte die alte Schuettel hin, bei genauerem Hinsehen wurde uns schon ein bisschen bang, angesichts der heruntergewirtschafteten Maschine. Dafür sah die Stewardess aus wie July Delphy, was uns allerdings auch nicht half, als wir fast verhungerten. Ein paar belegte Pappbrötchen retteten uns über den Tag ( übrigens wir flogen mit "Vasp", falls einer mal in die Verlegenheit kommt... ).
 
In Manaus trafen wir gleich beim Frühstück am nächsten Tag Athur und Magreth aus Australien. Wir waren fasziniert. Mit 74 und 70 Jahren hatten die beiden nicht gerade das Alter gewöhnlicher Traveller. Sie erzählten von ihrer 2-monatigen Rundreise durch Südamerika, von Indien, Russland, Nepal, Deutschland ( und ein bisschen auch von Australien ). Wir verbrachten den Tag zusammen und besichtigten u.a. das Teatro Amazonas - die prunksüchtige Oper der Stadt, die im Zuge des Kautschukreichtums Ende des 19.Jh. entstand und edelste Materialien aus Europa zu einem Baukunstwerk vereint.
Wir betraten den Zuschauersaal und hörten Dvorak's 9. Sinfonie ( Orchesterprobe ) und waren zu Tränen gerührt. In der neuen Welt die Töne aus dem alten Europa zu hören - nach jahreslanger Musikabstinenz wird die Seele hochempfindlich für derartige "Angriffe" - sie brechen wie ein Donnerschlag über uns herein und berühren unsere innersten Saiten. Wie ein Echo klingen die Stücke noch lange in uns nach, so war es schon damals mit Marisas Tangopiano in Buenos Aires.
So kam es, dass wir eiligst Konzertkarten besorgten und gestern Abend nun das gesamte Konzert erlebten.
 
Natürlich ist Manaus keine Opernstadt, sondern wer hierher kommt, will in den Urwald. Dementsprechend ist das Angebot - von luxuriöser Dschungellodge bis zum saftig teuren 3-Tagestrip ist alles zu haben. Zahlreiche Schlepper versuchen täglich den Touristen ihre Touren aufzuschwatzen, wirklich hilfreiche Infos zu finden ist schwer. Was hier rings um Manaus vom Regenwald noch übrig ist, dürfte sich allerdings in Grenzen halten. Natürlich besuchten auch wir das Encontro das Aguas ( das Treffen der Wasser ), wo Rio Negro und der Rio Solimões zusammenfließen und den Anfangspunkt des Amazonas markieren. Wir überquerten den Fluss im Motorfähre und brauchten 40 Minuten - man mag sich vorstellen, welche Wassermassen dieser Strom zum Atlantik trägt.
 

Der einstige Glanz der Stadt ist verblasst, Manaus ist keine reizvolle Metropole mehr, Armut und Dreck springen einen an und dazu diese sagenhafte Hitze - das macht die Weiterreise leicht. Es geht nach Norden Richtung Boa Vista und Venezuela.
 
Für heute viele Grüsse aus Manaus. Daniel und Anja.
    
Wir sind heute in Venezuela eingeradelt und somit in Santa Elena direkt an der Grenze. Hier ist das Klima wesentlich angenehmer als im Amazonasbecken, denn wir sind schon in den Bergen.
Gestern sind wir den ganzen Tag berghoch gefahren und waren am Abend im brasilianischen Grenzkaff, wo wir essen waren ( ganz schick für 5 Euro, für den Daniel haben sie nur die Hälfte berechnet weil der so wenig gegessen hat - es gab Fleisch am Spieß ohne Ende und Daniel kuckten noch drei Hühnerbeine zum Schnabel raus als wir bezahlten... )
Das Essen gehen war auch notwendig, denn auf den letzten 200 km gab es nicht einen Laden und am Ende ernährten wir uns nur von Haferbrei. Was anderes hatten wir nicht mehr in den Taschen. Für die nächste Etappe wird es nicht besser, da sind es 200 km und auch nur dünn besiedelt. Da haben wir heute für 10 Tage eingekauft, damit wir ganz langsam fahren können, denn die Landschaft ist so schön mit den Tepuis ( Tafelberge ).
In den letzten Tagen radelten wir durch Indianergebiete, Regenwald gab’s nur spärlich, die haben ganz schön gewütet hier, dafür viel Sonne und schwitzen. An der Straße gab es zwei Abzweige. Der erste führte uns zum Rio Branco, wo wir Badeteten und Zelteten während ringsum Blitze zuckten und die Affen in den Bäumen schaukelten. Beim zweiten mal ging es zu heiligen Felsen der Indianer hier, auch dort ein Flüsschen zum baden und keine Menschenseele sonst. Sehr schön war das mit Sonnenaufgang und Vogelgezwitscher am Morgen.
Heute dachten wir nun Brasilien endgültig zu verlassen. Im Hotel dann hier in Venezuela will Dani die Räder anschließen und was fehlt?...das Schloss. Das hatte er im Hotel Drüben liegen lassen. Also musste er eine Schimpftirade über sich ergehen lassen ( wieder 3 cm kleiner ) und dann nahmen wir das nächste Taxi und düsten zurück nach Brasilien- tja manchmal geht es schneller als man denkt... Das Schloss ist inzwischen auch in Venezuela, die Grenzpassage im Taxi war völlig unkompliziert, keiner hat sich für uns interessiert, wir fuhren einfach durch.
Ansonsten ist der Kaffee wieder lecker in Venezuela und beim Bäcker gibt es leckere Auswahl ( die wir schon testeten ) die Währung ist grauenvoll, man hat nur 1000er in der Hand ( 1 Euro 2500 Bolivar ). Und es wird wieder spanisch geredet, was sehr schön klingt, aber unsere Zungen sind schon so ans portugiesisch gewöhnt dass wir ständig falsch reden.
 
Dani und Anja
02.12.2003
    
 
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Zwischen den Inseln der Zeit
 
Das Jahr 2003 neigt sich dem Ende zu und wir grüßen Euch aus Venezuela, dem letzten Land auf unserer "Südamerika-Rundreise". Wir überquerten die brasilianisch - venezuelanische Grenze in Santa Elena am 1. Dezember.
Landesgrenzen wechseln ist immer spannend, weil die Veränderungen abrupt und radikal sind. In Venezuela also gibt es wieder leckeren Espresso ( die italienischen Einwanderer hinterließen ihre Spuren ), die Bäckereien bieten köstliche Leckerbissen, auf den Straßen schaukeln mächtig rostende Straßenkreuzer aus den USA der 70-er Jahre und in den Geldgeschäften von Santa Elena werden Gold und Diamanten angekauft. Nach ein paar Tagen erfuhren wir an einer Tankstelle die Benzinpreise und kippten fast aus den Latschen. Haltet Euch fest! 70 Bolívar der Liter ( 3,5 Cent! ). Warum macht man sich da die Mühe und strampelt alles mit dem Fahrrad?!
 
Wenig später wussten wir es wieder. Wir waren in der Gran Sabana. Eine Landschaft unberührt und wild und schön. Tosende Wasserfälle, versteckte Naturbecken, weite Landschaften, die sagenhaften Tafelberge ( Tepuis genannt ) und Regenbogen- Wolken- und Sonnenuntergangs-Schauspiele schenkte uns die Natur.
Wir trudelten von Wasserfall zu Wasserfall, zelteten oft in strohgedeckten Unterständen ( erbaut in der typischen Bauweise der hier lebenden Pemón –Indianer ) und genossen 14 Tage zwischen den "Inseln der Zeit". So werden die Tepuis genannt, weil sie für den, der sie besucht, eine Zeitreise in die Pflanzen- und Tierwelt weit zurück in die Vergangenheit gestatten. Viele Pflanzenarten auf den Tepuis sind endemisch - also kommen nur dort vor - da die Berge wie Inseln aus der Landschaft ragen und sich somit hoch angepasste und spezialisierte Pflanzen und Tiere und auf ihnen entwickelten. Botaniker geraten hier oben in Verzückung, Normalsterbliche gelangen nur in organisierten Touren auf den Roraima -Tepui ( einer der wenigen Tepuis, die man besteigen kann ). Für die Pemón -Indianer sind die Tepuis ( was in ihrer Sprache "Berg" bedeutet ) die Wohnstatt der Götter. Oft werden sie mystisch von Wolken umhüllt. Ganz zeitig bei Sonnenaufgang zeigen sie ihre majestätischen Formen.
 
Auf einer hügeligen Piste gelangten wir nach Kavanayén. Das ist ein Dorf der Pemón mit einer Missionsstation. Dort schliefen wir bei den Mönchen im Kloster und genossen gute Sicht auf die Tepuis der Umgebung, wie sie sich aus dem dampfenden Regenwald emporheben.
Am Salto Aponguao ( einem 100 m hohen gewaltigen Wasserfall ) unterhielten wir uns lange mit den Geschwistern Maria und Adan ( 15 und 12 Jahre ), die hier in einem Dorf der Pemón leben und erfuhren so eine Menge über Indigena -Kultur und Lebensweise der Einheimischen.
Der ganze Nationalpark Canaima ist Indianergebiet. Nur die Indigenas haben das Recht hier zu siedeln und zu leben. Die Pemón haben sich dem Tourismus geöffnet und Touristen-Führer sind ausschließlich Indigenas.
 
Wie konträr waren da unsere Erfahrungen in Brasilien: Verschlossen und abgekapselt leben die Indigenas in ihren Reservaten, kein Fremder soll seinen  Fuß in ihre Gebiete setzen. Diese Abschottung ist für die brasilianischen Indianer lebensnotwendig, da sie durch Viehbarone, Goldgräber und andere diverse Interessengruppen bedroht sind. Auch vor Mord wird nicht zurück geschreckt. Regenwald fanden wir in Brasilien entlang der Straße nur noch in den Reservaten unversehrt. Wir haben in den Geografiebüchern noch nie über die Amazonas-Steppe gelesen, aber sie ist inzwischen traurige Realität.
 
Von der Gran Sabana fuhren wir in Serpentinen hinab ins Flachland und verließen den Nationalpark. Die Goldgräbernester an der Strecke waren für uns wenig einladend - Wellblechhütten statt Goldpaläste, Straßenstaub statt Goldstaub, Rostlauben statt Ferraris - und wir suchten schnell das Weite.
Einen Tag vor Weihnachten gelangten wir nach Ciudad Bolívar am Rio Orinoco, dem drittmächtigsten Strom Südamerikas. Am Heiligabend wurden wir in der Posada La Angostura bekocht und verlebten das wärmste Weihnachtsfest, das wir je hatten.
Die Leute hier feiern wie in Deutschland in Familie, man sitzt zusammen und verspeist Festtagsbraten ( Huhn, weil das preisgünstigste ), Knaller explodieren und die Stadt ist mit lebensgroßen Weihnachtkrippen und -figuren geschmückt. Der Tannenbaum wird durch Plastikbäume ersetzt und dekorativ machen sich die blinkenden Lichterketten an den Häusern und Hütten. Die Kirchenportale der Kathedrale blieben an den Feiertagen jedoch verrammelt ( im Radio wurde von Kirchenplünderungen in Venezuela berichtet - vielleicht deshalb? ).
 
Am Morgen des 24.12. hatten wir das Vergnügen Weihnachtsessen- Einkäufe zu erledigen. Mit Alban ( aus Deutschland und Mitarbeiter in der Posada ) und Freddy ( Taxifahrer eines Straßenkreuzers ) schaukelten wir durch die halbe Stadt auf der Suche nach 6 Hühnern für den Weihnachtsbraten. Das Chaos auf den Straßen war beträchtlich, Straßenhändler und Verkehrschaos verstopften die Stadt.
Am 25.12. bot sich auf unserem Weihnachtspaziergang ein vollkommen anderes Bild: Die Stadt wie ausgestorben, die Rollläden der Geschäfte herunter gelassen, an einigen Straßenecken ein Sicherheitsposten mit Schrotflinte. In einem Hauseingang sitzt jemand vor einer Mülltüte und isst daraus...
 
Uns zog es nach der langen Zeit in der Hitze in die Berge und so organisierten wir ( und "organisieren" ist nicht übertrieben, denn in der Weihnachtszeit herrscht Hochsaison und Reisezeit ) ein Busticket und reisten 24 Stunden nach Mérida in die Berge.
So schließt sich für uns ein Kreis - in den Anden begann unsere Reise rings um Südamerika und hier soll sie auch ausklingen ( zumindest was Südamerika betrifft! ). Wie sich das anhört, lest ihr im nächsten Reisebericht.
 
Ein gesundes, glückliches und fröhliches 2004 und einen guten Rutsch wünschen Euch Daniel und Anja aus den venezuelanischen Anden.
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31.12.2003
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